Freiheit. Meine erste Assoziation war das Meer. Wellen, blauer Himmel und unendliche Weite. So viel zu entdecken, so viele Möglichkeiten. Je näher ich dem Meer komme, zumindest hier in Deutschland, desto karger werden die Gespräche. Nicht weniger liebevoll. Aber auf das Nötigste reduziert. Irgendwie zwanglos.

Da passte es ganz gut, dass ich den Monat Oktober an der Kieler Förde verbringen konnte – ein bisschen Pause von der großen Stadt, Ruhe und Klarheit und die Muße meinen ersten Podcast fertig zu schneiden und zu produzieren.

Hintergrund

Irgendwann im Sommer las ich den Call vom EU-Russia Civil Society Forum für Reflecting Europe: Drei Tage in Archangelsk, im Norden Russlands, zum Kick-Off lab mit anderen Journalist_innen, Künstler_innen und Aktivist_innen aus Russland und Europa, um gemeinsam zu überlegen was Europa für uns bedeutet, 30 Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs. Aus diesen Überlegungen sollten dann gemeinsam Projekte entwickelt werden.

Mir war irgendwie sofort klar, dass ich etwas zu Freiheit machen wollte. In meiner Bewerbung schrieb ich:

The storyline that interests me most in this context is our understanding(s) of freedom.

Technology develops in a way that makes surveillance so much easier and the governments as well as businesses and individuals are using this technology day in day out, to the point that we find it hard to imagine living without it.

Growing up I was always told that the East was bad, because people weren’t allowed to speak and think freely. Yet, now, we all seem happy to give up that freedom for convenience.

The stories and opinions I heard when I moved to Ukraine in 2001 were completely different from anything I had heard before. I have lived in the Ukraine for two years, I studied in Leipzig for some years, I grew up in West Germany and now live in Berlin, not far from where the wall once stood. I move and have moved between Eastern and Western Europe and Germany for the last twenty years or so.

To this day I see that we have different ideas and perspectives on what freedom actually entails. Is what many perceive as freedom in the West manipulation through late-capitalism? Is freedom the right to buy whatever you want? Has fake news succeeded propaganda and why is it working so well? Is my right to privacy more important than all of our security?

I would like to dig deeper and explore different perspectives on freedom and how we as Europeans can help each other grow through our different lived experiences. What can we learn from each other? What are our respective fears and hopes? How can we be aware and critical of the challenges technology brings to our lives? How can we help to build a Europe where we feel free, have a right to privacy and feel safe. And what would that even look like?

I have experience in photography, storytelling and radio production, but could imagine this topic being addressed in many different ways. I could very well imagine to make this into a podcast (series).

While I got selected to be one of the 16 participants in the project, I didn’t get my Visa in time to actually take part in the Kick-Off lab in Archangelsk.

I still met some of the other participants in Berlin and online, but since everybody already had their own ideas and projects to work on, I decided to go ahead and just follow my podcast idea.

I did join another group though as well though and did the graphic design for a browser game called Citizensheep, which I’m hoping we will all be able to play soon.

Der Podcast

Erstmal wollte ich mir darüber klar werden was ich eigentlich will. Meine Fragen zum Thema Freiheit waren diffus und gelenkt von einem Gefühl des Unwohlseins, ohne genau zu wissen wie und wo es sich besser anfühlen würde.

Zuerst wollte ich eine Reihe von Leuten interviewen, die sich professionell mit diesen Themen beschäftigen. Ich stieß auf das Alpbach Forum, das parallel eine Konferenz zu ähnlichen Themen hielt, ich dachte an Perspectiva, mit deren Gründer ich gerade ein Interview gehört hatte, an Jadie Smiths Freiheiten Essays oder Lorenzo Marsili und Niccolo Milaneses ‚Citizens of Nowhere‘ Buch.

Aber wären drei oder vier Interviews wirklich aussagekräftig? Und was ist es genau, das ich eigentlich wissen will?

Der Fall der Mauer ist 30 Jahre her und ich kann mich noch gut daran erinnern. Auf der Couch mit meinen Eltern guckten wir auf den Fernseher: Menschen weinten, fremde Menschen lagen sich in den Armen. Alle schienen so glücklich über diese Wende.

Ich bin am Rande von Hamburg aufgewachsen, Jahrgang 1980. Die Teilung war für mich nicht offensichtlich, aber trotzdem immer präsent. Die Eltern einer guten Freundin kamen aus Sachsen. Sie war eine tolle Geschichtenerzählerin. Ihren grünen Wellensittich sehe ich immer noch in der Küche ihrer eigenen Eltern sitzen, im Erzgebirge, die Küche hell, klein, mit Blümchentapete. Ich stellte mir vor wie der Wellensittich am Fenster den Vögeln draußen zuzwitschert und sie, als Kind, ihm zuhört, währen sie ihre Hausaufgaben macht. 

Auch unsere direkte Nachbarin hatte ‚Ostverwandschaft‘. Das waren alles Frauen. Drei Ältere und eine alleinerziehende Mutter und ihre Tochter. Sie kamen jedes Jahr zu Besuch. Einmal durfte ich mit dem Trabbi mitfahren. Die kleine Tochter bekam die tollsten Puppen und Spielsachen geschenkt wenn sie da war.

Mir wurde erklärt, dass sie solche Sachen im Osten nicht hätten. Ich verstand nicht was das bedeuten sollte, schließlich hatte sie die Puppe ja jetzt doch mit im Osten.

Nachdem die Mauer gefallen war, fuhren meine Eltern mit mir und meinem Bruder nach Berlin. Abends liefen wir über den Ku-Damm und schauten den Hütchenspielern zu. Wir durften ein paar Brocken aus der Mauer heraushauen und mit nach Hause nehmen. Mein kleines Bröckchen Mauer lag noch lange auf meinem Schreibtisch und gab mir immer dieses Gefühl mitten in der Geschichte dabei gewesen zu sein, auch wenn ich nicht wusste was genau diese Geschichte bedeutete. 

Jahre später, während meines Studiums, wechselte ich von Göttingen nach Leipzig. Nicht nur die Unis unterschieden sich – auch die Hintergründe und Ansichten meiner Mitstudierenden. Ich saß mit einer kleinen Gruppe von Freund_innen zusammen, wir redeten über Jobs, unsere Zukunft und alle sagten sie würden niemals in den Westen gehen. Menschen die offen und weit gereist waren, Monate in Indien verbracht hatten oder zum work&travel in Australien waren, sagten sie würden für keinen Job der Welt in den Deutschen Westen ziehen. Ich erinnere mich, wie unwohl ich mich fühlte. Gesagt habe ich nichts, aber irgendwie wirkt das immer noch.

Daneben meine Verwandtschaft in Hamburg. Nachdem ich ein Jahr in Leipzig wohnte fragte meine Tante besorgt, wie es mir denn in Leipzig so erginge. Ohne eine Antwort abzuwarten fügte sie gleich hinzu, dass ich ja schon in der Ukraine gelebt hätte und es darum wohl für mich nicht so schlimm sein könne.

Mit der Ukraine, dem Dorf in dem ich dort lebte, mit Pferdewagen, nur ein paar Stunden Strom am Tag, einem Bummelzug der drei mal am Tag in die eine und dann wieder zurück in die andere Richtung fuhr, und wo es eine Grundschule und zwei Tante Emma Läden gab, hatte mein Leben in Leipzig 2004 nun gar nichts zu tun.

Nach dem Abitur ging ich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in die Ukraine. Ich hatte keinen besonderen Bezug zu dem Land, ich wollte mich einfach für ein Jahr in einer neuen Umgebung ausprobieren, eine neue Sprache lernen, sehen was die Welt außer meiner gewohnten Umgebung so zu bieten hat.

Meine Eltern wollten, dass ich eine Ausbildung machte, oder zumindest gleich mit dem Studium beginne. Keine Zeit verschwenden. Trotzdem unterstützten sie mich als ich mit meinen Plänen voranschritt.

Ohne die finanziellen Mittel durch die Welt reisen zu können, schien Arbeiten im Austausch für neue Erfahrungen der beste Weg. Wie sehr dieses Jahr mein Weltbild verändern würde konnte ich damals aber sicher nicht absehen. 

In dem Dorf, ganz im Westen der Ukraine, direkt an der Grenze zu Ungarn, wurde Ungarisch gesprochen. Die Straßen wurden nach der Wende zwar umbenannt, aber trotzdem sprach noch jeder von der Lenin Utca, auch wenn diese jetzt Rákoci Utca hieß. Noch in Deutschland stellte ich mir vor dort auf Leute zu treffen, die sich, zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, über ihre Freiheit und all die neuen Möglichkeiten freuten.

Stattdessen wünschten sich fast alle Menschen die Sowjetunion zurück. Arbeit, Einkommen, Kulturprogramme, nichts davon gab es mehr. Die Schule wurde nicht mehr geheizt, die Straße bestand aus mehr Löchern als gerader Fläche (daran hat sich auch bis heute nichts geändert) und die Menschen überlebten durch Subsistenzwirtschaft. Die Arbeitslosenrate in der Region lag bei 80%. 

2000 wirkte Subsistenzwirtschaft für mich fremd, rückständig, vor allem aber sah ich wie unsicher es war und dass es zumindest dort nur schwer zum Überleben reichte. Heute weiß ich, dass wir auf eine gewisse Art und Weise dahin zurück müssen um langfristig alle zusammen überleben zu können.

So oder so habe ich dort auf dem Dorf erlebt was es heißt, wenn ein zu starkes Gewitter, dass die Blüten vom Wallnussbaum zerstört, eine Katastrophe ist, weil dadurch ein weiterer Teil des wackeligen Gerüsts zusammen bricht, auf das man probiert sein Leben zu stützen. Wenn Rentner_innen ihren minimalen Überschuss verkaufen, um dafür eine Packung Mehl, Öl oder Zucker kaufen zu können.

Was bedeutet es politische Freiheit zu haben, wenn man nicht weißt wie man sich selbst und seine Familie ernähren kann?

Oft habe ich das Gefühl in diesem Jahr auf dem Dorf in der Ukraine alles gelernt zu haben was ich heute weiß. Gleichzeitig weiß ich auch, dass ich immer noch überhaupt nichts weiß. 

Wo stehen wir dreißig Jahre nach Ende des kalten Krieges? Klimakrise, neue Rechte, Populismus, Panik und Lethargie gleichermaßen scheinen unseren Alltag zu dominieren.

Während des Wahlkampfrennens von Hillary Clinton und Donald Trump war ich für einen Monat in den USA. Damals dachte noch keiner, dass Trump als President, Realität werden könnte. 2018 erzählt Björn Höcke, dass Europa bis zur Flüchtlingskrise 400 Jahre im Frieden gelebt habe. Russland annektiert die Krim und Putin sagt er habe nichts damit zu tun. 

Ich habe immer noch nicht verstanden was die AFD attraktiv macht. Gestern sagte eine Schriftstellerin im Radio, dass die AFD Wähler die sie kenne, nicht auf Besserung hofften, die wollten es nur endlich mal ‚denen‘ zeigen. Jemandem etwas zeigen? Wem denn und was?

Brené Brown sagt, dass sie nur Kritik annimmt von Menschen, die sich selbst bemühen etwas zu verändern. Nur Meckern kann jede_r.

Meine Herkunft ist mittelständig, kleinbürgerlich, irgendwie in keine Schublade passend, aber schien doch sehr begrenzt in ihren Möglichkeiten und Ausblicken.

Meine Sozialisation seit dem Beginn meines Studiums war geprägt von Musik, Punk, Kapitalismuskritik, Feminismus, von der queeren Community und immer auch vom Austausch mit anderen; Menschen in anderen Lebenssituationen, in anderen Teilen der Welt. Nur passiv war ich nie. Aber frei?

Meine Recherchen zu Freiheit waren vielfältig. Gut gefallen hat mir die Erinnerung vom Sag Niemals Nietzsche Podcast zu Freiheit & Algorithmus an Rousseau, der das Ende der Freiheit im Beginn der Sesshaftigkeit sah, zu dem Zeitpunkt, als die Menschheit begann Besitz zu haben. Das eigene Stück Land als die Grundlage für die bürgerliche Gesellschaft. Privateigentum der automatisch zu Ungleichheit führt.

‚Die Früchte gehören allen und die Erde keinem.‘

Auch Audré Lordes: ‚I’m not free while any woman is unfree, even if her shackless are very different than my own.‘ Begleitet mich schon lange.

Mir gefiel auch dieser Artikel zu Freedom and Choice in Tricycle – The Buddhist Review sehr gut: „What is freedom? It is the moment-by-moment experience of not being run by one’s own reactive mechanisms.“ 

Im Ende entschied ich mich meine eigene Community für den Podcast zu befragen. Ich schrieb über 200 meiner Facebook Freund_innen an und bat sie mir eine Voice Note aufzunehmen, in der sie sagten, was Freiheit für sie bedeute und wie sie Freiheit im Bezug zu Europa sehen.

Zurück kamen 27 Nachrichten, die ich zu einem einstündigen Podcast zusammengeschnitten habe. Geremixt vielleicht.

Der Podcast wird Anfang Dezember über eine eigens dafür eingerichtete Plattform von Reflecting Europe veröffentlich. Hier gibt es schon mal zwei Ausschnitte zum reinhören:

Die Stimmen im Podcast kommen von:

Kamila Horvat, Teodora Doncheva, Cristina Catana, Dr. Gal Schkolnik, Rasha Shaban, Emilie Lindsten, Lady Deep, Jason Harrell, Nikoleta Gabrova, Leo, Franz, Stella Kasdovasili, Marija Vuletić, Dete Kafka, Serkan Ilaslaner, Sharon Mertins, Loulou d’Aki, Avital Yomdin aka Ritalin Monroe, Ragni, Anastasiia Antonova, Ben Osborn, Jovan Dzoli Ulicevic, Rachel Margets, Chandra Brooks, Lotti Seebeck, Desislava Valentinova und Marianna Pahlevanyan.

Musik by Ignatz Höch.

%d Bloggern gefällt das: