Einen musikalischen Jahresrückblick zu machen ist nie einfach, weil so eine, auf Grund des Kalenders gesetzte Grenze, relativ wenig mit Empfindungen zu Musik zu tun hat. Das, was mir in meiner Musiksammlung als erstes in Gedächtnis zurück springt, ist mein Besuch in Leipzig im März/April wo ich meine Abschlussprüfung gemacht habe und immer abwechselnd Maria Taylor, The Decemberists und Kevin Devine gehört habe. Das Album was hängen geblieben ist, ist das von Kevin Devine, bei dem ich mich auch grade beim durchhören nicht entscheiden konnte welches Lied mein Lieblingslied sein soll. Das ganze Album ist großartig. Wenn ich mich noch daran erinnere ihn 2003 oder so in Hamburg im Molotow Club als Vorband von Koufax gesehen zu haben und die lo-fi Gitarren Musik die er, der eigentlich aus dem Hardcore kam, am Anfang seiner Solokarriere machte, ist das aktuelle Album Brother’s Blood ein beeindruckender Sprung. Wundervolles Album bei dem jeder einzelne Song ausgereift wirkt und überzeugt.

Das nächste Album was mir in den Sinn kommt ist von Ben Lee. Das bedeutet für mich Frühling in der Ukraine. Auf einmal sind alle Menschen auf der Straße – zumindest in den Romavierteln. Großeltern gehen mit ihren Enkelkindern die Straßen auf und ab, von den Grundstücken kommt Musik, es wird gefegt, Gras gezupft, der Hof aufgeräumt, Teppiche ausgeklopft, Autos und Fahrräder repariert und Wäsche aufgehängt. Nachbarn unterhalten sich in kleinen Grüppchen auf der Straße, gehen mit ihren Hühnern spazieren und der Junge von gegenüber steht in Mamas Pantoffeln und mit Papas Gewähr im Hoftor, ahmt erstaunlich gut Vogellaute nach, um gleich darauf auf die antwortenden Vögel zu schießen. Es lag ein unwahrscheinlich toller Geruch von Feuer in der Luft, von dem ich gar nicht genug einatmen konnte, auch wenn wahrscheinlich hauptsächlich der Müll verbrannt wurde, der beim Aufräumen des Hofes zusammen getragen wurde. Gleichzeitig wirken alle Menschen fröhlich, freundlich und optimistisch (oder bin das nur ich?). Ben Lee’s I love Pop Music hat diese Stimmung irgendwie für mich verkörpert. Die ganze Welt ist scheiße, das Leben so hart dass man das gar nicht wahrhaben will und trotzdem scheint die Sonne und es taucht eine unbeschreibliche Freude auf. Seit dem scheint sie jedes mal wieder wenn ich dieses Lied höre.

Als nächstes kommt der Sommer den ich bei meinen Eltern in Hamburg verbracht habe. Auch da gab es viel Sonne und vor allem Obst das geerntet und Marmelade die gekocht werden musst. Diese Zeit war von zwei Alben bestimmt. The Slow Club und The XX, beide aus England, die einen niedlich verspielt, die anderen einfach cool.

Zwischendurch, in der Ukraine, gab es noch eine Zeit in der Bands wie die Great Lake Swimmers, Dragonslayer und Swan Lake mich viel begleitet haben. Alle drei bewegen sich teilweise um die gleichen Protagonisten und bewegen sich zwischen süßem Pop und abgrundtiefer Dunkelheit. Eine durchaus überzeugende Kombination.

MEN haben mich das ganze Jahr über begleitet, weil sie eine wunderbare Kombination aus politischen Texten und tanzbarer Musik machen. Bemerkenswert ist, dass hier die Bandmitglieder von Le Tigre und The Ballet (es gibt ein neues Ballet Album das im November herausgekommen ist und hier im nächsten Jahr vorgestellt wird) zusammentreffen, zwei von mir hoch geschätzte Bands, Off Our Backs ich auch auf eins der ältesten feministischen Magazine, die in Amerika erscheinen bezieht und sie es auch ohne Label geschafft haben sich einen Namen in der Szene zu machen.

Zwei andere Lieder und Alben die mir dieses Jahr sehr wichtig warren sind Your Heart Breaks und Kevin Blechdom. Torrey Pines, das Lied bei dem auch Kimya Dawson mit singt hat einfach Recht wenn gesungen wird: “Open up your mouth you gotta let it all out, just get it off your fucking chest, the shit that you’ve been through is the reason you are you and I bet someone is listening with a similar history and once the words are spoken and it’s all out in the open it will help a lot of people to feel a lot less broken. So open up your mouth…” Beide kommen aus dem queer-feministischen Bereich, Your Heart Breaks existieren schon seit den 90ern, auch wenn ich sie erst seit kurzem kenne. Kevin Blechdom habe ich das erste mal kontaktiert für eine Umfrage zu Gendernetzwerken in der Musik, die auf www.transnational-queer-underground.net nachzulesen ist und dann wieder gesehen als sie zusammen mit Mocky auf Tour war. Da war übrigens auch einer von den Puppetmastaz dabei, die jetzt gerade ihr finales Album fertig gestellt haben – aber dazu nächstes Jahr mehr.

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