Nachdem ihr euch die letzten Monate an verschiedenen Rückblicken erfreuen konntet, geht es jetzt weiter mit Neuvorstellungen, Interviews und sicherlich auch ein paar hörenswerten Liedern, die immer mal wieder in die Erinnerung gerufen werden können!
Außerdem werdet ihr auf dieser Seite zukünftig regelmäßig weitere Informationen, links und die Musik und Interviews zur Sendung finden.
Ebenso gibt es einige ältere Interviews und Playlists auf den entsprechenden Seiten.

Die nächste Sendung läuft am 22.07.2009 von 19.00 – 20.00h hier!

Rebirth of VenusBen Lee – The Rebirth of Venus
The Rebirth of Venus, in Deutschland im März 2009 auf Blue Rose Records erschienen, stellt für mich eine Symbiose sehr unterschiedlicher Aspekte dar. Der gezielte Einsatz eingängiger Pop Musik vermittelt eine fröhliche Grundstimmung, die im nächsten Moment durch die Texte gebrochen wird. I love Pop Music, das gerade gehörte Lied, fasst dezidiert zusammen, was Pop Music alles sein kann: politics you can romance to, philosophy that you can dance to und zählt im Anschluss daran Problematiken wie Erderwärmung, Trinkwassermangel und Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur auf, drückt Konsumkritik aus und ergänzt dies mit fluffigen Melodien und uh oh, oh no Einwürfen. Die damit ausgedrückte Freude über die Musik, der es weniger darum geht die Welt zu verändern, oder Leute auf Probleme hinzuweisen, gelingt es so, Menschen mit skeptischem Blick auf ihre Umwelt ein Gefühl von Verständnis und Aufmunterung zu vermitteln. Auch in Sing, dem folgenden Lied wird, ohne allzu esoterisch klingen zu wollen, auf die positive Kraft von Musik hingewiesen.
Mit der Wahl von Venus, als Göttin der Liebe und Schönheit und ultimatives Symbol der Weiblichkeit, als Titelheldin, verfasst Lee auf dem Album The Rebirth of Venus, einen Aufruf weiblich konotierte Charakteristika, wie Verantwortungsbewusstsein, Passion, Fürsorge, Kreativität, Spontanität und Intuition unabhängig von einem biologischen Geschlecht zu fördern, da sie für jeden das Leben lebenswerter machen.
So findet sich auf dem Album neben einer Hommage an Yoko Ono und die heilige Mutter des Universums auch ein Song mit dem Titel I’m a Woman Too. Hier zeigt Lee mit Beispielen um die Aussage: if you ever had to fight, you’re a sister of mine auf, welche Konflikte weiblich konnotierte Eigenschaften auslösen können, und dass sich diese nicht auf ein biologisch weibliches Geschlecht begrenzen lassen. Die wenig hinterfragte binäre Geschlechterordnung führt zu Verunsicherungen, die sich, gerade für Kinder, aus der erzieherischen Einteilung in zwei Geschlechter ergibt. Er beschreibt dies anschaulich in dem letzten Lied, was ich aus Ben Lees Album the Rebirth of Venus heute vorstellen möchte. Es heißt Boy with a Barbie.

Kevin Blechdom – Gentlemania gentle_cover_small
So wie Ben Lee mit seinem Album the Rebirth of Venus auf die unverselle Weiblichkeit verweist, wollen Gossip mit ihrem neuem Album Music for Men das Mainstream Publikum mit einem lebischen butch-Stil, also männlicher Attitude biologischer Frauen vertraut machen, wie sie unlängst in der Spex erklärten. Inwiefern die damit verbundene Hoffnung erfüllt werden kann, Nischenthemen nicht nur im Mainstreamdiskurs zu plazieren, sondern tatsächlich die erhoffte Annäherung der Randpositionen an die gesellschaftlichen Zentren zu bewältigen, ist immer wieder spannend und hoffnungsvoll, endet jedoch meistens in Ernüchterung. Das energiegeladene Lied Pop Goes the World, vom neuen Album der Band nährt diese Hoffnung textlich, indem sie darin ankündigen ihre unübersehbare Position in der Welt der Stars und Sternchen, in der sie sich in letzter Zeit immer wieder vertreten sehen, nicht so schnell wieder aufzugeben.
Kevin Blechdom, eine seit vielen Jahren in Berlin ansässige, gebürtige Amerikanerin spielt im Titel ihres neuen Albums Gentlemania ebenfalls mit dem Maskulinen – mit etwas weniger Aufmerksamkeit, aber deswegen bei weitem nicht weniger energiegeladen. In Monster, dem folgenden Titel singt sie über zügellose Liebe, die das Gehirn ausschaltet, das Herz zum Arschloch und Mensch damit auch manchmal zum Monster macht.
In Lazy, dem Lied was ihr gerade gehört habt, berichtet Kevin von der ambivalenten Position des männlichen Partners in einer Beziehung. Der weibliche Part droht, den männlichen zu verlassen, wenn dieser weiterhin zu faul ist seinen Part zu spielen. Zu faul sich zu bedanken, zu faul sie zu versohlen: zu faul seine Rolle als Mann zu erfüllen. Der Grad zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie ist hier schmal und wird musikalisch am Schluß des Liedes mit einem hörbaren Peitschenschlag auf eine spielerische Ebene gestellt.
Gravity, der Titelsong, erzählt von Menschen die nach langer Zeit in der sich sich nebenaneinander herbewegten, ihre Anziehungskraft entdecken und sich plötzlich umeinanderkreisen, in Turn Around singt Kevin von der Schwierigkeit die es bereiten kann, sich aus den Bahnen einer so aufgebauten Beziehung wieder zu lösen. Die dabei benutzten Wortspiele, wie z.B. don’t think it’s over, dass direkt darauf zu don’t think it over oder that the smoke fills the room, dem ein makes us sing out of tune folgt, lässt die Texte im ersten Moment mehr durch die Reime und Wortspiele bestimmt erscheinen, beim genauen hinhören erkennt man jedoch präzise beschriebene Komplikationen im (Liebes-)leben, die immer wieder unseren Alltag erschüttern. Das Album Gentlemania, das im März 2009 bei Sonig erschienen ist, wird dann passender Weise auch durch You Changed My Life, mit einem Lied über die Suche nach einem Ende beendet.

I feel CreamPeaches – I Feel Cream
Wie nach den Vorgängeralben nicht anders zu erwarten, stellt auch in Peaches neuem Album, I Feel Cream, im Mai 2009 bei XL Recordings erschienen, Sex und Sexualität in den Vordergrund. Im Vergleich zu Fatherfucker, The Teaches of Peaches und Impeach my Bush wirkt es aber sensibler und persönlicher. In Talk to Me, was gerade zu hören war, fordert Peaches dazu auf, Dinge beim Namen zu nennen und sich nicht hinter Vorwänden zu verstecken – statt abfälligen Blicken lieber konstruktive Worte zu bemühen. Auch in Lose You, singt Peaches über Gefühle, die Angst jemanden zu verlieren und darüber hinter der Fassade die Eingeweide brennen zu spüren.
I Feel Cream, das Lied nach dem das neue Album von Peaches benannt wurde, greift diese Titelzeile erstaunlicherweise kein weiteres mal auf – sie überlässt uns damit mit der Vermutung, dass für Peaches Sahne zu fühlen bedeutet sich einem schönen Jungen (pretty boy) anzunähern, ihn mit nach Hause zu nehmen und mit ihm Sex in der Badewanne zu haben.

Die letzten vier vorgestellten Alben beschäftigten sich also mit unterschiedlichen Annähreungen an queere Themen. Jungs die ihre Weiblichkeit suchen bei Ben Lee und männliche Performativität von Lesben bei Gossip. Kevin Blechdom stellt die Vielfältigkeit von Wünschen, Ängsten und damit verbundenen Rollen in der Interaktion mit anderen Menschen in den Vordergrund und Peaches drückt mit ihrer offensiven Art vollkommene weibliche Selbstbestimmung aus.

Chicks On Speed – Cutting the EdgeCutting the Edge
Chicks on Speed, die im Mai 2009 ihr Album Cutting the Edge auf ihrem eigenen Label Chicks on Speeds Records veröffentlichten, lassen jenes mit dem Song Girl Monster beginnen, bringen feministischen Aktivismus, Riot Grrrl, Kunst und Musik zusammen, machen sich dabei den Begriff zu nutzen, der von Kevin Blechdom gerade noch als unberechenbarer Ausbrecher definiert wurde, der in jedem von uns steckt, und belegen ihn neu, mit der monströsen Stärke einer Peaches, die sich in die Öffentlichkeit stellt und sich wie Gossip weigert diesen Platz wieder zu räumen.
In Art Rules, dem gerade gehörten Lied, wird die Kunstszene unter die Lupe genommen, auch hier auf die Rolle der Frau verwiesen, die unter der der Männer angesiedelt ist, in einer Szene, bestimmt von Schein und Selbstrepräsentation, betrachten sie die Vergänglichkeit von Ruhm und bewegen sich damit, wie der Titel, Cutting the Edge bereits andeutet, in einem Zwiespalt zwischen Kunstszene und lebendigen Ansprüchen. Durch den gelebten DIY Ethos, Chicks on Speed machen nicht nur Musik, sondern gründeten selbts ein Label, entwerfen Mode und brachten 2006 einen Sampler heraus in dem sie generationenübergreifend Künstler_innen mit feministischem Anspruch zusammenbrachten, haben sie die nötige Erfahrung um, wie sie selber sagen, auf diesem Album alle Lebensnotwendigen Fragen zu beantworten oder, was wahrscheinlich eher zutrifft, sie zumindest zu addressieren.
In Vibrator untersuchen sie neue Tanzformen und die Räume in denen diese Anwendung finden, in Buzz benutzen sie Billigfluglinien um sich mit der fliegenden, an uns vorbei rasenden Zeit auseinander zusetzen, in Extended Paintbrush adressieren sie den immer wieder vorhanden Anspruch die Masse von der Kunst fernzuhalten. Sex in der Stadt thematisiert käuflichen Sex und wird ergänzt von Strip Songs, in dem auch Modemenschen aufgefordert werden, Kondome zu benutzen. In Globo Cop, mit dem ich die heutige Sendung beenden möchte widmen sich Chicks on Speed der zunehmenden globalen Überwachung und merken an, dass die Resistenzia der Guerilla Girls dennoch immer überleben wird.

Die Playlist zur Sendung findet ihr auf meiner Last FM Seite hier.

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