Helgi Jonsson Interview 29.11.2009 @ Admiralspalast
Fangen wir mit deinem musikalischen Background an. Du hast bereits als Kind angefangen Posaune zu spielen. Wie kam es denn dazu?

Ja, ich hab mit sieben Jahren angefangen mit der klassischen Musikerziehung, mit 5 habe ich Blockflöte gespielt, ganz ganz herkömmlich, und dann Posaune, das ist vielleicht nicht ganz so herkömmlich.

Wieso denn gerade die Posaune?

Mein Bruder ist zwei Jahre älter als ich und hat Klarinette gespielt und ich durfte mitgehen zu Blaskapellenproben. Ich hab mir die Posaunen angeschaut und gedacht „Wow, die sehen echt gut aus“. Dann habe ich angefangen Unterricht zu nehmen und die Posaune war lange Zeit mein Leben, so bis ich Anfang 20 geworden bin. Und ich habe Posaune in Österreich an einer Musikhochschule studiert.

Warum bist denn gerade nach Österreich gegangen?

Das war eigentlich Zufall. Ich wollte immer nach Amerika, war auch sehr viel dort als Teenager und dann hat mich aber der Lehrer in Amerika nicht angenommen. Der hat dann zu mir gemeint, ich solle zu einem befreundeten Professor nach Graz in Österreich gehen, da ein Jahr bleiben und dann zurück nach Amerika kommen und mich erneut bewerben. Also bin ich nach Graz gegangen, aber nie zurück nach Amerika, was super war, weil Europa schön ist. Acht Jahre bin ich dann da geblieben und vor zwei Jahren zurück nach Island gezogen.

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Nach jahrelanger klassischer Musikausbildung spielt die klassische Musik wahrscheinlich auch einen großen Teil in deinem Leben.

Ja. Ich spiele auch immer wieder Gigs um klassischen Bereich, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Meistens sind es isländische Ensembles bei denen ich mitspiele. Ich arbeite zum Beispiel viel mit bedroomcommunity, das ist ein internationales Label was in Island sitzt. Nico Muhly, ein junger zeitgenössischer Komponist aus New York ist da zum Beispiel mit dabei, der auch für mich sehr viel schreibt, sowohl für meine Stimmt als auch für die Posaune.

Wann hast Du angefangen Indie-Musik zu machen?

Mache ich Indie-Musik? Schwarze Plastikbrillen-Musik. Angefangen habe ich eigentlich erst 2003, da habe ich angefangen zu singen und mehr Klavier zu spielen oder Gitarre und Songs zu schreiben. Ich habe natürlich immer auch Pop-Musik gehört, meine Mama hat alle Beatles-Alben auf Platte, oder Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Queen habe ich mit 10 gehört. Aber solche Songs Songs selber zu schreiben kam erst viel später. Mein erstes Album ist von 2005, das habe ich geschrieben als ich noch in Österreich gelebt habe, in Island in der lokalen Musikszene habe ich unter eigenen Namen noch nicht wirklich viel gemacht, nur bei anderen Bands mitgespielt. Auch wenn ich eine Wohnung in Reykjavik habe, bin ich selten dort, immer auf Tour. Und wenn ich in Island bin, möchte ich einfach meine Ruhe haben, vielleicht Studioarbeit machen, aber keine Konzerte geben.

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Also kannst du zu der isländischen Musikszene gar nicht soviel sagen, weil Du so selten dort bist?

Doch, doch, ich arbeite ja viel mit anderen Bands aus der Bedroom Community, zum Beispiel mit Valgeir Sigurðsson oder Ben Frost und Sam Amidon. Das sind alles tolle Musiker die auch auf mich viel Einfluss haben. Ich war auch Vorband von Teitur, Tina Dico und Sigur Ros. Tina Dico war im letzten Jahr, da haben wir angefangen zusammen zu arbeiten und machen das auch nach wie vor noch.

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Nach aussen hin wirkt es immer so , als seinen die isländischen Bands ein ganz geschlossener Kreis. Was kannst Du denn zu der isländischen Musikszene sagen?

Ein geschlossener Kreis ist es in gewisser Weise auch, weil es einfach eine so kleine Szene ist und man einfach auch miteinander spielt. Die meisten Leute spielen mit den anderen gern zusammen das ist auch das was die Szene dort ein biß0chen ausmacht, das Einander helfen wollen und kriss-kross miteinander arbeiten.Und kein Geld dafür verlangen weil es kein Geld gibt. Das ist schön. Jetzt die Krise zum Beispiel, in Island hat sich auf die Musikszene total positiv ausgewirkt, auch wenn das komisch klingen mag. Die Tatsache ist, dass die Isländer in den letzten Jahren sehr viel verreist sind und ziemlich zerstreut waren. Der letzte Sommer zum Beispiel war aber unheimlich intensiv, alle waren in Island, es hat sich keiner leisten können ins Ausland zu gehen.Die Stimmung war super und es sind so viele schöne Sachen entstanden.

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Bist Du denn mal auf dem Iceland Airwaves Festival aufgetreten?

Ja, dieses und letztes Jahr habe ich da gespielt. Ich war sonst immer im Ausland leider, aber die letzten beiden Festivals war ich da. Das ist ein super Festival, es treten glaube ich um die 130 Acts auf und in jedem Lokal, Kirchen und überall wo es geht finden Veranstaltungen statt. Das funktioniert sehr gut.

Vielleicht erzählst Du ein bisschen über www.pledgemusic.com/

Gerne, das ist nämlich eine nagelneue Geschichte und ich habe auch ziemlich großes Glück gehabt weil der Gründer von dieser Firma ist ein Amerikaner der in London lebt, und der ist zu meinem Konzert gekommen vor einem halben Jahr in Los Angeles und dann noch einmal in London und hat mich gefragt ob ich nicht Interesse hätte da mit zu machen.Es geht darum, dass zum Beispiel eine Band die ein Album aufnehmen will, dafür aber kein Geld hat, ein Projekt, ein pledge, machen kann wo sie verschiedene Sachen anbieten können wie Musik, signierte Sachen oder Setlists oder handgeschriebene Songtexte oder „Wir kommen zu deinem Haus und backen Kuchen und spielen dir ein Konzert“ oder wie auch immer. Dann kaufen die Leute die angebotenen Sachen ein und wenn die Band die Summe die sie braucht zusammen hat, kann sie das Album machen. Das ist wirklich lustig und ein teil von dem Gewinn geht an Amnesty International und das einfach ein neuer, ein bisschen kreativerer Weg nah an die Fans zu kommen.

Wir haben gesehen, dass man mit Dir eine Skype-Konferenz kaufen kann, hat da schon jemand zugeschlagen?

Ja genau, das hab ich vor einer Woche gelauncht, aber bisher hat das noch niemand gekauft. Die Leute wollten lieber die letzten EPs vom letzten Jahr, aber wer weiß, vielleicht kauft das auch noch wer. Ein Gemälde habe ich sogar reingestellt, drei Ölgemälde, eigentlich male ich voll gern, und ich glaube eins ist sogar auch schon verkauft.

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Ist das Internet denn wichtig in deinen Augen?

Es muss nicht unbedingt wichtig sein, aber es ist einfach ein lässiges Tool. Man kann es nutzen, um kreativ irgendwie weiter zu kommen, mit Leuten zu kommunizieren und versuchen, irgendwas aufzubauen. Künstler sind einfach davon abhängig, dass Leute u ihren Konzerten kommen, sonst funktioniert es nicht. Und das ist ja das was wir machen wollen. Wir wollen Konzerte spielen und es sollen gute Konzerte sein. Und es ist so unglaublich teuer und aufwendig auf Tour zu gehen dass es auch wirklich nur funktioniert wenn auch alles funktioniert. Das ist langweilig, aber du hast auch viel mit Business Sachen zu tun, da muss alles zusammen kommen. Richtiger Zeitpunkt, richtige Promotion. Ich würde das gerne abgeben und habe auch teilweise einen Manager, die letzten zwei Jahre hatte ich so Typen aus London, wir haben uns ber diesen Sommer getrennt weil die einfach überhaupt nicht gut genug waren. Mein Infrastruktur gerade ist meine Plattenfirma die ich selbst hab für Deutschland, Österreich und die Schweiz, für Skandinavien bin ich bei einer anderen Plattenfirma die sehr gut sind und dann hab ich eben Booking Agencys die mir die Konzerttourneen verschaffen. Das ist ja eh das Wichtigste. Aber es ist viel Arbeit.Aber um diese zwei Stunden am Abend, in denen man auf der Bühne ist, geht es ja. Dann macht es alles Sinn.Mit Sigor Ros und Tina Dico auf Tour habe ich ja auch schon in großen venues gespielt. Heuer spiele ich mein 35. Konzert in Deutschland und davon waren die meisten wirklich als Vorband. Um einfach rein zukommen ist das eine tolle Möglichkeit. Vor allem wenn es tolle Acts sind die schon eine große Audience haben ist das ein Privileg. Und ein gutes Modell wenn man in den verschiedenen Bands mitspielt und dann unter eigenem Namen als Vorband auftritt. Das klappt einfach gut.

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Du und deine Vorband Ragga (www.myspace.com/rgrondal ) kennt Euch aber auch schon länger?

Wir kennen uns sicher seit fünf Jahren oder so. Wir haben aber nie miteinander gearbeitet und diese Tour ist die erste gemeinsame w wir uns jetzt ein bisschen näher kommen. Ragga ist eine super Sängerin und eine der populärsten in Island, wenn die nicht die populärste.

Kannst Du uns zum Schluss noch die gemeine und schwierige Frage nach den für dich wichtigsten Platten des letzten Jahrzehnts beantworten?

Puh, das ist zu schwierig. das schwierigste überhaupt. Eine unglaublich schöne Platte war die erste Platte von Sam Amidon, die auf mich auch unglaublich grossen Einfluss gehabt hat. Ich weiß nicht, wo soll ich anfangen. Ich bin schon immer ein großer Radiohead Fan, ich liebe alle Alben von ihnen. OK Computer vielleicht, das ist so ein wichtiges Album. Aber das ist schon mehr als 12 Jahre her. Erschreckend.

Kannst Du dich denn noch an deine erste Platte erinnern, die Du dir gekauft hast?

Ja, kann I mi. Das war Glenn Miller, da war ich so acht Jahre alt. Die erste CD, die ich mir gekauft habe war REM, Automatic for the people. Da habe ich noch nicht mal einen CD-Player gehabt, aber ich hab sie mir trotzdem gekauft. Mein Bruder hatte einen. Ich kann mich erinnern, ich war vielleicht 12 oder 13 und meine Mutter hatte mir verboten mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Ich war mit Freunden unterwegs. Wir sind in die Stadt gefahren und ich hab die Platte gekauft. Ziemlich beeindruckendes Album, zumindest damals. Ich glaube noch immer.

Hörst du sie denn immer noch?

Nein, also REM, das halte ich nicht mehr aus, das kann ich nicht hören heute, aber ich hab sie echt geliebt.

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