von Mareike Lütge
Ein Sommerabend im vor Hitze flirrenden Berlin, die Menschen sind am See, im Park oder sitzen vor den Kneipen. In den Privatclub, einem kleinen Venue in einem Kreuzberger Keller, werden sich diesen Abend nur eine Handvoll Konzertgänger verirren, dabei gibt es dafür einen mehr als guten Grund: Perfume Genius aka Mike Hadreas ist kurz nach der Veröffentlichung seines Debütalbums ‘Learning’ zum ersten Mal in Deutschland für eine Minitour, die ihn nach seinem Auftritt in Berlin weiter nach London führen wird. Dort freilich wird das Konzert ausverkauft sein, kein Wunder, hat ihm der meinungsbildende NME doch 9 von 10 Sternen für das Album verliehen.

Von all dem weiß Mike Hadreas aber noch nichts, als ich ihn nachmittags zum Interview treffe. Er sitzt zusammen mit einem Freund von ihm, der ihn später am Keyboard begleiten wird, im stilsicher-heruntergekommenen Backstagebereich des Privatclub und ist mit der Situation, in ein Mikrofon sprechend Fragen über sich zu beantworten, auf charmante Art unvertraut.

Es waren rasante vergangene Wochen für den 26-Jährigen, der von sich sagt, nie einen konkreten Karriereplan als Musiker im Kopf gehabt zu haben. Nach dem Wegzug aus New York, wo das Leben zu ungesund, die Nächte zu lang und die Gedanken zu verwirrt wurden, hat er im Keller seiner Mutter an Songs gebastelt. Nur mit einem Klavier und Geschichten im Kopf, die verarbeitet werden mussten, bewaffnet, ist dabei ein Debütalbum herausgekommen, das durch seinen musikalischen Minimalismus genauso wie durch die entwaffnend ehrlichen Texte die Herzen an sich reißt. In der Musik war er eigentlich nie zu Hause, auch wenn er als Kind Klavierunterricht gehabt hat, viel eher hat er sich mit visueller Kunst beschäftigt, sagt er, natürlich ist das Cover seiner Platte auch selbstgemacht.

Er wirkt während des Gespräches selbst immer noch überrascht, sagt er hätte eigentlich nicht gedacht dass er jemals eine Platte machen, ein Label auf ihn aufmerksam und er sich plötzlich auf Tour wiederfinden würde. Ich frage ihn nach der Lo-Fi-Ästhetik seiner Musik, die in erster Linie aus seiner Stimme, aus einfachen Klavierharmonien und bei einigen Songs einem Synthesizer besteht. Er legt die Stirn in Falten und scheint zu überlegen, wie es unter anderen Umständen gewesen wäre. Ja, natürlich, wäre das Album nicht im Keller des Elternhauses entstanden, hätte er Lust gehabt, mit größerer Besetzung zu arbeiten, Streicher zu benutzen, aber eigentlich ist das egal, es sind die Texte, die ihm wichtig sind, solange die mit genug Ehrlichkeit entstanden sind, wird es ein guter Song. Was als nächstes passieren wird, ist noch unklar. Ein Konzert in Berlin, eines in London, danach zurück in die USA, dort wieder ein paar Konzerte. Im Oktober wird er zurückkommen, um eine größere Europatournee zu machen, er übt immer noch sagt er, das spätere Konzert ist eines der ersten überhaupt, die Auftritte sind noch an zwei Händen abzuzählen. Deshalb traut er sich auch nicht, von der Bühne ins Publikum zu schauen, dafür ist er zu schüchtern. Genau diese Unsicherheit und damit auch die völlige Abwesenheit von Attitüde steht ihm und seiner Musik aber ganz hervorragend.

Später am Abend werden sich die Menschen auf den Boden setzen, während des knapp halbstündigen Auftritts wird es mucksmäuschenstill sein. Es wird keine Zugabe geben und keine Interaktion mit dem Publikum, aber das ist egal, die die seinen Songs zuhören, werden genug von ihm erfahren, um mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, Augen und Ohren offen halten zu wollen, was als nächstes mit ihm passiert. Wir jedenfalls freuen uns auf ein Wiedersehen im Oktober.

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