Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von balm&creak. Den Livestream für die Sendung gibt es wie immer von 19-20h hier. Das heutige Programm wird denke ich ziemlich abwechslungsreich, zum einen habe ich den Labelsampler Doin’ Our Thing von Audiolith dabei, ich werde ein bisschen Vorgeschmack auf das am kommenden Wochenende in Hamburg stattfindende Dockville Festival machen und ich habe zwei Alben, eins von YACHT und eins von Chairlift mitgebracht, die ich gerne vorstellen möchte.

yachtDas erste Album ist See Mystery Lights von YACHT – das sind Jona Bechtolt und Claire L. Evans aus Portland, Oregon, oder villeicht auch England, Paris, Frankreich und L.A. sowie Marfa, Texas, wo ein Großteil der Aufnahmen für das Album entstand. Jona gründete YACHT 2002, sagt aber dass die aktuelle Version dieses Projekts, außer biologischen, keine Ähnlichkeiten mehr mit der damaligen habe, in der YACHT noch als Abkürzung für Young Americans Challenging High Technology stand. Die Großschreibung der einzelnen Buchstaben ist heute obligatorisch, auch wenn die einzelnen Buchstaben nicht mehr von Punkten getrennt sind. So hat sich der Fixpunkt vielmehr zum A verlegt, das inzwischen als Dreieck, wenn auch nicht immer geschrieben, dann zumindest gedacht werden könnte. In diesem Dreieck sieht YACHT eine Konzeptkarte zwischen drei Punkten, die auf die Widersprüchlichkeit verweist, die gewissen Dingen inherent sein kann. So ist das Dreick für Yacht nicht nur eine Form, sondern auch eine Sammlung von Punkten. Nach diesem Vorbild, in der Anerkennung dieser Widersprüchlichkeit konstituiert sich YACHT sowohl als Gruppenphänomen als auch durch das Individuum. Und wem das zu absurd scheint, der höre doch mal das hier: Psychic City.

Jona Bechtolt, die eine Hälfte von YACHT, hat nicht nur mit verschiedensten Remixen für the likes of Architecture in Helsinki, Stereolab und Mirah auf sich aufmerksam gemacht, sondern er hat auch zusammen mit Khaela Maricich das The Blow Album Paper Televison aufgenommen. Die meisten Remixe gibt es auf seiner Website zum download, außerdem ein illegales Konzept-Split-Album mit den Lucky Dragons, das Nirvana heißt und auf dem Bob Marley unter dem typischen Nirvana Schriftzug abgebildet ist und aus Nirvana Samples zusammengebastelt wurde. Jona, ist für mich einer der momentan interessantesten Künstler_innen, der nicht nur von allen Menschen, anderen Bands und sonstigen Persönlichkeiten geliebt zu werden scheint, mit denen er zusammengearbeitet hat, sondern auch (oder vielleicht bedingt sich das) mit sehr viel Liebe, Verspieltheit, Ironie und Ernst, Ehrlichkeit und Übermut ans Werk geht und dabei etwas sehr eigenes kreiert. Das Konzept, durch das YACHT existiert, was oben schon beschrieben wurde beschränkt sich dabei nicht nur auf Musik, sondern wird begleitet von Blog, Logos, Bildern und Videos, die ein interessantes und vielleicht ein bisschen narzistisches Bild einer besonderen, talentiereten, kreativen und wie es scheint unermüdlichen Persönlichkeit präsentiert.

Don’t Fight the Darkness, Bring the Light and Darkness will Disappear, ist der Untertitel zum See Mystery Lights Album, diese Stimmung, der Glaube an das Gute, die Idee einer friedlichen Welt, eines freien Internets, das im doppelten Sinne frei ist, also umsonst und befreit, worauf auch das letzte Lied ein wenig einging und die Hoffnung durch sein eigenes Schaffen etwas zu verändern scheint YACHT sehr wichtig zu sein. Das alles mutet ein wenig esoterisch an, wenn man ihren Ansatz so versteht, dass sie das Gute bringen wollen, damit das Böse automatisch geht und man seine Zeit und Energie nicht in Zerstörung sondern in positive Kreation investiert, sagen nicht an Himmel und Hölle zu glauben, aber an ein Nachleben, The Afterlife, kein Kult sein will, aber visuelle Symbole nutzt die einen jenen assozieren ließen. Trotzdem wirken sie sowohl musikalisch und optisch irgendwie bodenständig und realistisch. Aber um nicht zu viel zwischen diesen Widersprüchen hin und her zu springen und in der Hoffnung Interesse geweckt zu haben, geht es nach The Afterlife von YACHT, das Lied zum Leben nach dem Tod, mit Chairlift weiter.

Mit Chairlift, bleiben wir ein wenig im metaphysischen, nicht umsonst sagt Jona von YACHT, dass die Bekanntschaft mit Chairlift, mit denen sie einige gemneinsamen Konzerte in den USA spielten love at first sight war.
Chairlift wurde 2005 von Caroline Polachek und Aaron Pfenning and Univerität von Colorado mit der Absicht gegründet Hintergrundmusik für verwunschene Häuser zu kreieren. Nachdem sie ihre erste EP Daylight Savings 2006 in Los Angeles aufgenommen hatten, zogen sie nach Brooklyn und veröffentlichten, gemeinsam mit Patrick Wimberly dem inzwischen festen dritten Bandmitglied im September 2008 ihr Album Does You inspire You auf Kanine Records. Das Album erhielt anfänglich nicht viel Aufmerksamkeit, wurde aber im Juni 2009, wohl als Nachwirkung darauf, dass ihr Lied Bruises in einem Werbespot eingesetzt worden war über Columbia in einer überarbeiteten Version wiederveröffentlicht.

Wie YACHT schätzen auch Charlift das Zusammenspiel mehrer Komponenten, also z.B. von der Gestaltung des Cover Artworks, der Videos und ihrer Musik um so ein ganzheitliches Bild zu transportieren. Die an MGMT erinnernden, psychedelisch wirkenden Videos zu Evident Utensil und Planet Health, positionieren sie dabei in einer Szene, die als new psychedilic pop bezeichnet wird. Ihrer Meinung nach gibt es diese Szene nicht wirklich, auch wenn sie selbst mit einigen der anderen Bands die dieser Szene zugerechnet werden wie MGMT, Yeasayer oder Grizzly Bear befreundet sind, zwischen ihnen ein stetiger kreativer Austausch besteht und sie, wenn sie gemeinsam auf Konzerte gehen, sich auch mit den gleichen Einflüssen konfrontiert sehen.

Does You Inspire You ist ein sehr abwechslungsreiches Album, das sich stilistisch sicherlich zwischen so unterschiedlichen Genres wie Country, Soul und Elektro bewegt. Auf Grund des gerade schon erwähnten Bekanntenkreises in dem sich Chairlift bewegen, können wir hier auch einen fließenden Übergang zum Dockville Festival schaffen, das vom 14. bis zum 16. August in Hamburg stattfinden wird und wo u.a. Chairlifts Freunde von MGMT spielen werden.

Das Dockville Festival, was dieses Jahr in die dritte Runde geht, hat den Anspruch Musik mit visueller Kunst zu verbinden. So treten dieses Jahr an drei Tagen über 70 Bands auf vier verschiedenen Bühnen auf, es gibt ca. 20 Kunstinstallationen von über 30 Künstler_innen, Poetry Slams und vieles mehr – auf einer Elbinsel in Hamburg-Wilhelmsburg. Ich selber werde dieses Jahr das erste mal dort sein, und kann somit erst nächste Woche ein paar subjektive Eindrücke schildern. Soweit, freue ich mich erstmal auf ein sehr vielseitiges Musikprogramm, wenn alles gut geht ein Interview mit HealthPatrick Wolf den ich ebenfalls angefragt hatte, hat zu viel mit größeren Medienschaffenden zu tun – auf das Konzert freue ich mich trotzdem sehr und darum gibt es jezt hier auch für euch schon mal als Vorgeschmack Vulture von Patrick Wolf vom The Bachelor Album, das im Juni 2009 bei Bloody Chamber Music erschienen ist.

Neben gerade schon genannten MGMT, Health und Patrick Wolf, spielen am Freitag z.B. noch Turbostaat, Turbonegro, Mediengruppe Telekommander und Bill Callahan. Am Samstag Frittenbude, Good Shoes, Element of Crime, Whitest Boy Alive und Bonaparte und am Sonntag Black Lips, Kettcar sowie Panteón Rococó um nur einige zu nennen. Damit ist sicher für jeden einiges bekanntes und bestimmt auch interessantes unbekanntes dabei und es verspricht ein abwechslungsreiches und hoffentlich sonniges Festival zu werden. Allerdings muss ich auch anmerken, das auf dem Festival nur eine erschreckend geringe Zahl an weiblichen Künstler_innen auftritt. Neben Goldie Locks, Miss Li und Hundreds die als musikalische Solokünstler_innen unterwegs sind, Helen Jaggero und Frauke Unruh als weibliche DJs und der Slam Poetin Xóchil und vielleicht Super 700, die aus zwei Frauen und einem Typen besteht, gibt es wenn ich mich nicht verzählt habe nur fünf weiter Bands in denen immerhin eine bis mehrere Frauen mitspielen. Allgemein für über 70 Auftritte aber eine sehr geringe Quote von der ich mir sehr wünschen würde dass sie im nächsten Jahr etwas steigt. Hier gibt es jetzt erstmal Goldie Looks mit Spooky.

Nach Goldie Locks habt ihr Frittenbude mit Jung, Abgefuckt, Kaputt und Glücklich gehört, die ebenfalls am Freitag auf dem Dockville Festival auftreten werden. Und damit sind wir dann auch bei dem letzten Thema für heute (das übrigens auch keine gute Frauenquote hat, trotzdem irgendwie mein liebstes Hamburger Elektrolabel ist). Audiolith hat eine CD und DVD Compilation herausgebracht, die Doin’ Our Thing heißt und damit genau das aussagt, was das Label macht. Musik veröffentlichen, die Lars Lewerenz, dem Labelgründer gefällt und die von Leuten gemacht wird, die das gleiche wollen und sich offensichtlich auch untereinander so gut verstehen, dass das Label wie ein Familienunternehmen wirken lässt.
Und nur so kann auch ein Labelsampler wie Doin’ Our Thing entstehen, der nicht nur aus einer Zusammenstellung der letzten Veröffentlichungen besteht sondern deren Lieder extra für das Album konzipiert wurden. Und weil es (mit ein bisschen schummeln) die 50 Veröffentlichung von Audiolith und damit quasi ein runder Geburtstag der Hamburger Familie ist, gibt es als Dankeschön für die Fans noch eine DVD geschenkt dazu, auf der alle Videos die von den Bands im Laufe der Zeit gedreht wurden anzusehen sind.
Auf dem Album sind neben Plemo, Egotronic, ClickClickDecker, Juri Gagarin, Saalschutz, Bratze, Dadajugend Polyform, Basslaster und Ira Atari & Rampue, The Dance Inc., Krink, Cerebral Vortex, M T Dancefloor, Supershirt auch Knarf Rellöm mit Der Neue Beat (für Audiolith) vertreten.

Playlist
YACHT – See Mystery Lights (2009/Cooperative) (mp3)
01. Psychic City
02. We have all we ever wanted
03. The Afterlife
Chairlift – Does You inspire You (2009/Columbia)
04. Evident Utensil (mp3)
05. Bruises
06. Planet Health
07. MGMT – Kids (2008/Sony)
08. Patrick Wolf – Vulture (2009/Bloody Chamber Music)
09. Goldie Locks – Spooky (2009/Puregroove Publishing)
Audiolith – Doin’ Our Thing (2009/Audilith)
10. Frittenbude – Jung, Abgefuckt, Kaputt und Glücklich
11. Knarf Rellöm X – Der neue Beat (für Audiolith)
12. Ira Atari & Rampue & Celebral Vortex – Easy Rider
13. Bratze – Pelikan

Leave a Comment